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Ich verspreche!

Ich verspreche!

Vor einem halben Jahr ruft ein Mann auf dem Warschauer Bahnhof meiner kleinen Tochter hinterher: „Verfickte, kleine deutsche Schlampe. Verpiss Dich.“, weil sie hüpfend Pippi Langstrumpf auf Deutsch singt. Nur ein böser Traum?

Eine Woche später zieht an mir – Vater von zwei deutsch-polnischen Kindern – in meiner Heimatstadt Plauen eine „Wir-sind-Deutschland“-Demo an mir vorbei und skandiert: „Multikulti ist vorbei“. Diesen Freitag erreicht die Eskalation in Warschau eine neue Stufe.

Der Ton wird schärfer in ganz Europa. Keiner in meinem Umfeld, dem nicht dieses ungute Gefühl unter die Haut kriecht. Doch unsere noch junge Freiheit, ein grenzenloses, solidarisches Europa, Solidarität, die Akzeptanz gegenüber Fremden, Homosexuellen, ja sogar Alleinerziehenden, ein menschliches Miteinander beginnen sich aufzulösen. Die Welt die wir lieben beginnt sich aufzulösen.

Die in Polen

Diesen Freitag schlägt in einer Warschauer Tram ein Mann einen polnischen Geschichtsprofessor zusammen, weil er mit seinem Kollegen aus Jena Deutsch spricht. Der Fahrer schmeißt sie raus. Draußen schlagen sie weiter auf ihn ein.

Keiner hat etwas gesagt – nicht vor einem halben Jahr, nicht danach und auch nicht am Freitag.

Als mir Anna im Auto die Geschichte von dem Warschauer Professor erzählt, hört meine Tochter Hanna zu: „Wie Mama? Nur weil er deutsch geredet hat? Hätten sie Papa dann auch geschlagen? Und mich? Und Mila?“ Wir haben unseren Kindern erklärt, dass das nicht nur in Polen passiert. Auch in Sachsen und London werden polnische Freunde beschimpft. Auch in Deutschland werden Flüchtlinge angegriffen und ihre Häuser angezündet.

„Aber das geht doch nicht! Denen würde ich was erzählen!“ – entgegnet meine kleine Tochter.

In diesem Moment habe ich viel verstanden: Wir müssen den Mund aufmachen – immer, wenn wir so etwas sehen, hören, lesen. Wir müssen den Mund aufmachen auf der Straße, auf Bürgerfesten, Demonstrationen, in der Straßenbahn, im Büro, in den Schulen und Kitas, zu Hause, gegenüber unseren Eltern, auf Facebook, Twitter. Lasst uns auf der Seite derer stehen die geschlagen, beschimpft und diffamiert werden. Tun wir das nicht, stärken wir die anderen.

In Warschau sind Menschen die diesen Hass säen seit elf Monaten an der Macht. Von wilder Hast getrieben, zerlegen sie nach dem Wahlgewinn im Oktober die Medien, die Gerichte, die Verfassung, den Staatsapparat, die ganze Zivilgesellschaft und gestalten sie nach ihren Vorstellungen um. Die Polizeiverordnungen sind bereits gesäubert und völlig blind für jegliche rechtsextremen Symbole, Demonstrationen und Gewalttaten.

Noch vor einem Jahr hat niemand unserer polnischen Freunde einen Wahlerfolg der PIS und eine solch rasche Verschlimmerung für möglich gehalten. Heute regiert der Hass. Heute glaubt niemand mehr von ihnen, dass dem Schläger aus der Tram etwas passieren wird.

Wir in Deutschland

Wir in Deutschland können uns nicht zurücklehnen. Wir können nicht zusehen, wie ein ungutes Gefühl Schritt für Schritt die Macht übernimmt. Menschen, die unsere offene Weltsicht unseren Traum einer freien, offenen Gesellschaft brüllend ablehnen, ziehen in die Parlamente ein. Nach der Wahl am nächsten Wochenende in Berlin werden sie – es lässt sich kaum mehr verhindern – in den Rathäusern als Stadträte Exekutivposten übernehmen. Auf Deutsch: Sie kommen an die Macht. Hier in Berlin.

Die Geschichten aus Warschau sind nur ein kleiner Vorgeschmack auf das was folgen wird, wenn wir nicht bereit sind, lautstark den in Form der AfD wählbar gewordenen Wutbürgern mit unserer eigenen Vision einer offenen, solidarischen Welt entgegenzutreten.

Doch wir müssen nicht nur den Mund aufmachen, wir müssen auch politisch aktiv werden. Dies habe ich nach dem Gespräch mit meiner Tochter über die Situation in Polen verstanden.

Es hilft nichts, im Kreise seiner weltoffenen Freunde sein ungutes Gefühl über die aktuelle Politik zu teilen. Immerhin besitzen wir noch die richtige politischen Einstellung und können uns folglich entspannt zurückzulehnen und zusehen?

Leider haben der meisten Parteien derzeit nicht den Mut unsere eigene wohlfeile Meinung zu öffentlich zu teilen. Sie könnten mit dieser Meinung ja die Wutbürger verprellen. Wir zeigen stillschweigendes Verständnis. Wird schon wieder irgendwie besser werden.

Haben diese Politiker keine Ideen mit denen sie offensiv gegen die AfD antreten können? Es wäre so schwierig nicht! Trauen sie sich nicht mehr, diese auszusprechen, weil ihre politischen Angstgegner (ja, „Angst“!) lauter schreien als die Schweigenden mit der „richtigen“ politischen Meinung? Wo sind die Wahlplakate, die die Forderungen der AfD inhaltlich zerlegen und ihnen lautstark ihre eigenen Positionen entgegenstellen?

Es hilft nicht zu sagen, dass wir uns nicht vertreten fühlen von den regierenden Politikern und Parteien. Wenn unsere Wahlen dazu verkommen, dem geringerem Übel aus Gewohnheit ein Kreuz zu geben („Besser als die anderen!“), sind wir selbst schuld.

Die 68er mussten die Vergangenheit bewältigen. Wir müssen um unsere Zukunft kämpfen. Sie haben es getan. Wir warten noch ab.

Wären die 68er (und DDR-Oppositionellen) mit ihren Überzeugungen nicht in die Parteien gezogen, würden wir den Verlust wählbarer Politiker mit Visionen, Zielen und stabilen Überzeugungen schon seit 20 Jahren beklagen. Doch diese Generation geht in den Ruhestand. Jetzt sind eigentlich wir dran.

Doch statt dessen zieht in die Parlamente und Rathäuser eine neue Generation von Menschen ein, die noch vor kurzer Zeit auf Pegida-Demonstrationen anzutreffen waren. Ab übernächster Woche dürfen sie in Berlin regieren.

Ich verspreche

Ich verspreche meiner Tochter nicht weiter zu schweigen. Ich habe meinen Mund aufgemacht auf der Bühne einer „Wir sind Deutschland“-Demo (aka. „PlauGida“) in Plauen und mich dann wieder bequem in die Beobachterposition zurückgezogen (immerhin ist die Bewegung kurz danach verschwunden). Doch das darf nicht sein! Ich schäme mich dafür. Es war glasklar, dass – auch wenn die Demos weniger werden – diese Menschen beim nächsten Wahlgang ihren Protest auf dem Stimmzettel ausleben.

Also in eine Partei eintreten? Vor ein paar Jahren unternahm ich diesen Versuch bereits. Aber schnell gab es angenehmere oder wichtigere Projekte als Parteisitzungen in Pankow. Doch ich werde es erneut versuchen (bei einer etwas moderneren Partei). Und wenn die Zähigkeit von Parteimeetings ein Problem ist, so kann man auch dem eine Vision entgegensetzen (in manchen Firmen klappt das schließlich auch!).

Wir können nicht länger schweigen. Wir müssen den Mund aufmachen, laut sein, politisch sein.

Ich verspreche, ich werde es tun. Wer mit mir auf die nächste Parteisitzung gehen will – last uns gemeinsam dort auftauchen. Und ich hoffe, auch Ihr werdet es versprechen, euren Freunden, Kollegen und auch eurem Facebook oder Twitter – #IchVerspreche


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